Arbeitszeit: 16:00 Stunden  

LEA SPAHN

Grenzen – oder:
Wie viele sind ein Kollektiv?

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Der Begriff der Grenze weckt Bilder und Imaginationen:

Nationale Grenzen, Abgrenzung, Grenzüberschreitung, Eingrenzung und Ausgrenzung,     Unterscheidung, Endlichkeit, aber auch Kontur, Grenzensetzen, Aushandlung.

Das Schreiben dieses Beitrags selbst ist ein Grenzgang, ein Balanceakt, in dem ich dem Weg meines Nachdenkens selbst folge. Es ist eine Spurensuche in der Landschaft meiner Erfahrungen, die in der künstlerisch-ästhetischen Praxis gründen ebenso wie sie auch stark durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung geprägt sind. Auch diese Grenzziehung möchte ich unterwandern – ich folge darin den Gedanken von Irit Rogoff, die die „Existenzen und Praxen“ von Theoretiker*innen und Künstler*innen „unentwirrbar (…) miteinander verbunden“ betrachtet.

Ganz in diesem Sinn ist die Frage dann mehr: was zeichnet diese Existenzen und Praktiken aus? - Und spätestens an diesem Punkt verschwimmen Grenzen.

„Das Narrativ der theoretischen Dekonstruktion, des Auseinandergenommenwerdens ist eine Reise durch verschiedene Phasen, in der das Denken, in das wir eingebettet sind, seine Gültigkeit verliert; diese Momente der schweigenden Epiphanie, in der wir erkannt haben, dass die Dinge nicht notwendig so sein müssen, dass es eine ganz andere Weise gibt, sie zu denken, Momente, in denen die Paradigmen, die wir bewohnen, aufhören sich selbst zu legitimieren und in einem Blitz als nicht anderes enthüllt werden, als was sie sind“. (1)

Was mich an dieser Überlegung fasziniert, ist das ‚Auseinandergenommenwerden‘ und wie darin gewohnte Weisen, die Welt zu ‚bewohnen‘ ins Wanken geraten. Zugleich markieren diese Überlegungen für mich eine Haltung: eine Haltung des Ver-Lernens, in dem Raum für Dissens offengehalten wird. (2)

So steht der Begriff der Grenze für mich viel mehr für eine Navigationsbewegung – und dieses Navigieren betrachte ich immer als eine verkörperte Praxis: verkörpert, weil jede Praxis an den lebendigen Organismus gebunden ist, ja, nur als eine Begegnung mit Welt und Anderen erfahrbar ist.

Und so kann ich den Begriff der Grenze eben nur als ein Navigieren und eine Begegnungspraxis denken. Grenzen sind ein fortwährender Aushandlungsprozess: eine GrenzBeZiehung.

Mit Blick auf Praktiken künstlerischen Arbeitens und kultureller Bildungsarbeit möchte ich noch genauer hinschauen und vor allem aus meinen Erfahrungen ganz spezifische Einflüsse mit in den Horizont holen.

Wie, wo, wann ist kulturelle Bildungsarbeit?

Ein Merkmal, das mir sofort einfällt, ist, dass kulturelle Bildungsarbeit durch projektförmiges Arbeiten geprägt ist – durch Projekte, die sich in institutionelle Logiken und Rhythmen einfügen (müssen), durch Projekte, die (Erfahrungs-)Wissen und künstlerische Praxis voraussetzen und darauf angewiesen sind.

Für Künstler*innen und Vermittler*innen bedeutet dies, dass Projektanträge eine wiederkehrende und sogar routinisierte Praxis ihres Arbeitens sind: Während der Durchführung eines Projekts, finden sich bereits neue Kooperationspartner*innen zusammen, suchen, finden, formulieren den nächsten Projektantrag.

 „Wie arbeiten wir?“

Wir nutzen Etherpads, oder Googledocs, wir vernetzen uns in Videokonferenzen oder schicken Bruchstücke einer Idee … die Ideen konkretisieren sich im Austauschprozess. Die geteilten Dokumente sind Dokumentation und Entwurf zugleich, eine sich verändernde Gedankensammlung und das Gedächtnis eines Prozesses. Und sie sind an den Ausschreibungen orientiert, deren Ideen von kultureller Bildung, deren Sprachlichkeit und BeNennungspraktiken, Bedingungen (3). In und aus dieser komplexen Kultur- und Förderlandschaft entstehen die Projekte. In und aus der Zusammenarbeit von Kulturschaffenden und Künstler*innen. Nicht umsonst schreibt Bojana Kunst, dass die einzige Kontinuität die Künstler*innen selbst sind – im marktförmig organisierten Kulturbereich sind die Künstler*innenkörper die lebendigen Scharnierstellen. (4)

Künstlerisch-ästhetische und Bildungsarbeit sind entsprechend Grenzgänge – eine Bewegung zwischen den organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen eines Projekts und der Gestaltung des (Forschungs-)Prozesses. Wo bleibt Raum für ästhetische und ergebnisoffene Forschungsprozesse? Die gesellschaftskritische Sprengkraft kreativer Prozesse scheint weniger Ort (künstlerischer) Gesellschaftskritik als Aufforderung und Imperativ: „Ist das Arbeit oder ist das Kunst?“, so die spitze Frage von Lisa Marie Basten (5), die kritisch auf eben diese Dynamik schaut.

Und hier möchte ich ansetzen: In gemeinsamen Arbeitsprozessen haben sich für mich vier Fragen/Herausforderungen herauskristallisiert, die für mich diese Kunst/Arbeit_ArbeitsKunst kennzeichnen. Ich nehme den Begriff der Grenze, um auf Grenzziehungen als auch auf GrenzBeZiehungen zu schauen.

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Ähnlichkeiten finden, wo vielleicht keine sind

In Rahmen von Projekten treffen Persönlichkeiten mit einem geteilten Interesse aufeinander, vor allem aber treffen ganz unterschiedliche Perspektiven aufeinander.

Kunst stellt in ihrer Analyse heraus, dass alle ‚kreativen Arbeiter*innen‘ verschiedene Projekte jonglieren und in die unterschiedlichen Zeitlichkeiten und Zielstellungen dieser verwickelt sind.

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Wo sind die Räume, wenn wir keine haben

Als selbstständige Kulturvermittler*innen, als Künstler*innen, Pädagog*innen sind wir teils in kontinuierlichen Lohnarbeitsverhältnissen, teils selbstständig – und treffen ständig auf neue Arbeitsräume und institutionelle Logiken. Wir haben keinen gemeinsamen Briefkasten; wir leben in losen Netzwerken und geteilten Zeiten.

Dieses Bild bringt es für mich auf den Punkt: jedes Projekt ein gerahmter, doch offener Raum – und über allem tickt die Uhr.

Für uns war also eine Frage immer ‚Wie können wir gut arbeiten?‘, aber vor allem auch ‚Wer ist das ‚Wir‘? - und diese Frage stellt sich immer und immer wieder.

Wir, das sind nicht nur die beteiligten Menschen mit ihrem professionellen Erfahrungswissen und biographischen Wegen. Wir, das sind die Mensch-Ding-Raum-Netze, in denen alle Teile gleichermaßen Einfluss auf den Prozess nehmen:

Wir – das sind das Etherpad, die Bild-Collage in Videokonferenzen, das Parallelgespräch in der Telegram-Gruppe. Der Austausch ist auf die Ausschreibung hin orientiert, durch die wir unsere Arbeit der Ausschreibung entsprechend konturieren und die anderen Vermittler*innen, die ihre ganz eigenen Vorstellungen (mit)teilen:

„Ich finde ‚Krisen‘ zu breit als Begriff“ … „Können wir auch den Begriff neu besetzen?“ … „Ich glaube, dass wir das ganz anders formulieren müssen, sodass jede*r verstehen kann, was genau wir vorhaben. Und: was macht uns einzigartig?“ … „Wieso steht in dem Punkt zu IDEE das gleiche, wie in dem Punkt zu VORGEHEN?“ … „Vielleicht könnten wir es noch etwas einkreisen? Wenn ich deine Kommentare anschaue, geht es dir doch um Krisennarrative, oder?“ (6)

Wir – das sind aber auch die materiellen Arbeitsbedingungen: der Arbeitsraum, Notizbuch, der Kalender, den ich ständig aktualisiere und der mich auf Schritt und Tritt begleitet, Laptop etc.

Weil wir keine materiellen Räume teilen, stellen wir sie uns in der Vernetzungs-Praxis her. Die Räume sind immaterielle Netzwerk-Landschaften, in denen wir mal auf ausgetretenen Pfaden unterwegs sind, mal ganz neue Wege kreieren.

Ein Begriff, der dies fassen kann, ist der der Heterotopien. Als eine Denkfigur Michel Foucaults stehen sie für die Orte, „denen die merkwürdige Eigenschaft zukommt, in Beziehung mit allen anderen Räumen zu stehen, aber so, dass sie alle Beziehungen, die durch sie bezeichnet, in ihnen gespiegelt und über sie der Reflexion zugänglich gemacht werden, suspendieren, neutralisieren oder in ihr Gegenteil verkehren“: Im Gegensatz zu Utopien, die als „zutiefst irreale Räume“ gekennzeichnet werden, sind Heterotopien „Gegenorte“ (7). Heterotopien sind entsprechend Räume, in denen andere Praktiken erprobt werden können. Dabei unterwandern sie bestehende Ordnungen und sind dennoch lokalisiert. Übertragen auf unsere Prozesse ist das heterotope Moment, dass wir ein immaterielles Netzwerk bilden, das auf bewegten, aber lokalisierbaren Standorten beruht und materielles Arbeitswerkzeug umfasst: Die Zusammenarbeit findet in Zwischenräumen statt bis sie sich als ein Projekt verwirklicht.

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Grandios Scheitern!

Der Schritt ins Leere…

Den Boden unter den Füßen verlieren…

Fallen?

Ein Einfall.

 

Ästhetische Praxis ermöglicht anderes Wissen, indem Herstellung und Transformation sich darin praktisch und dialogisch ereignen: „Die wesentliche Technik dieser Praxis scheint in der spekulativen Transformation und Reorganisation von Materie, aber auch von gesellschaftlichen Zuständen zu liegen, um (…) eine kontrafaktische Differenz zu erzeugen.“ (8)
Diese Differenz könnte auch als kontinuierliches Scheitern verstanden werden, als die Kunst immer wieder den Schritt ins Leere zu wagen, sich offenen Prozessen zu stellen und in Aushandlungsprozesse zu begeben.

Scheitern als Kunst?

Dann doch bitte so, dass die Bedingungen des (Zusammen)Arbeitens auch Teil dieser ästhetischen Praxis werden. Wie kann die markt- und projektförmige Struktur des Kulturbetriebs selbst zum Gegenstand werden? Antragslogiken offenlegen, Machtstrukturen benennen, prekäre Arbeitsverhältnisse adressieren, … - wie kann inmitten dieser Zustände (trotzdem) kollaboratives, künstlerisches Arbeiten entstehen? Ist es das, was ‚spekulative Transformation und Reorganisation von Materie‘ meinen könnte?

Wenn ich auf unsere Aushandlungen während einer Antragsstellung schaue, sind sie unübersichtlich, es wird zunehmend unerkennbar, wer welche Idee hatte – und auch unwichtig. Der Prozess der Antragsstellung ist die Suche nach dem, was möglich ist. Und dabei gehen wir immer wieder verloren. Wie finden wir uns wieder? - In den Bruchlinien, Missverständnissen, Differenzen, die uns aufhorchen lassen und die uns fragen lassen: Wo stehen wir gerade? In diesen Momenten geben wir den eigenen Standpunkt auf und wenden uns wieder dem gemeinsamen Prozess zu.

Mit_Sein, oder: Sorge tragen

Eingangs habe ich Grenzen als GrenzBeZiehungen figuriert. Beziehungen verweisen dabei auf eine affektive Dimension. Gerade in einer „Welt des privatisierten Daseins“, wie es Marina Garcés formuliert (9). Sie versteht Kritik als verkörpert – als den Mut zu einem Dasein, in dem wir das Wagnis eingehen, betroffen zu sein und uns den Situationen aussetzen. Der Mut steht also gleichzeitig für das Vermögen, betroffen zu sein. Es geht ihr weniger darum, unabhängig zu werden, sondern die Abhängigkeit von anderen anzuerkennen. Dieses Mit_Sein ist eine Dimension, die ich als fundamental erachte. In der Anerkennung der eigenen Verletzlichkeit eröffnet sich auch die Möglichkeit, die Verletzlichkeit der anderen wahrzunehmen. Dadurch rückt das Kollektive im Sinne einer Beziehung in den Vordergrund: die gemeinsame Situation und die Möglichkeit, sich in offenen Prozessen darin zu navigieren.

Diese vier Fragen/Herausforderungen sind ein nachdenkliches Manifest: Was heißt kulturelles oder künstlerisches Arbeiten als Praxis heute, in dieser ‚Welt privatisierten Daseins‘? Wodurch ist diese Arbeit geprägt? Wo findet sie statt? Wann wird sie (un)sichtbar?

Während dieses Nachdenkens bin ich auf die Videoperformance von Ina Wudke „A Portrait of the Artist as a Worker“ (2011) gestoßen, in dem sie einen Text von Dieter Lesage inszeniert. Diese Worte also auf den Weg:

„[…] You don’t do it for the money. That is what some people think. It is a great excuse not to pay you for all the things you do. So what happens is that you, as an artist, put money into projects that others will show in their museum, in their Kunsthalle, in their exhibition space, in their gallery. So you are an investor. You give loans nobody will repay you. You take financial risks. You speculate on yourself as an artistic asset. You are a trader. You cannot put all your money into one kind of artistic stock. So you diversify your activities. You manage the risks you take. You would say it differently. I know, but I don’t use the f-word. You say you suffer from a gentle schizophrenia. You have multiple personalities. I think I understand.“ (10)

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Dr.in Lea Spahn (*1985) ist Post-Doc an der Philipps-Universität Marburg im Arbeitsbereich Soziologie der Bewegung und des Sports, Lehrende im Weiterbildungsmaster ‚Kulturelle Bildung an Schulen‘ und zurzeit Research Fellow an der Brno University of Technology an der Fakultät für Bildende Künste. Die Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin (M.A) hat folgende Forschungsschwerpunkte: Ästhetische und Kulturelle Bildung, feminististische Materialismen, Körper- und Leibtheorien, politische Ökologien, Methodologien qualitativer Sozialforschung.

1 Vgl. https://transversal.at/transversal/0806/rogoff1/de, letzter Zugriff 5.4.2021

2  Diesen Begriff greife ich auf von Nora Sternfeld (2014): Verlernen Vermitteln. Kunstpädagogische Positionen 30.

3  Castro Varela/Haghighat (Hg.) (2021): Doublebind Postkolonial. Kritische Perspektiven auf Kunst und Kulturelle Bildung, transcript; Scühtze/Maedler (Hg.) (2017): weiße Flecken. Diskurse und Gedanken über Diskriminierung, Diversiät und Inklusion in der kulturellen Bildung, kopaed; Althans, Audehm (Hg.) (2019): Kultur und Bildung – kulturelle Bildung?, transcript.

4  Kunst (2015): Artists at Work. Proximity of Art and Capitalism, John Hunt Publishing.

5  Basten (2019) in: Kannler/Klug/Petzold/Schaaf (Hg.): Kritische Kreativiät. Perspektiven auf Arbeit, Bildung, Lifestyle und Kunst; Raunig/Wuggenig (Hg.) (2016): Kritik der Kreativität, transversal; Henning/Sauter/Witte (Hg.) (2019): Kreativität grenzenlos!? Inner- und außerschulische Expertisen zu inklusiver Kultureller Bildung,

6 Das sind (leicht abgewandelte) Ausschnitte aus einem aktuellen Antrag auf eine Residenz, an dem ich mitgewirkt habe. Einen spannenden Einblick, in dem dieses kollaborative Schreiben selbst zu einem Projekt wurde, gibt das Projekt von Luise Meier im Rahmen des Tanzfestival Rhein-Main 2020: https://www.tanzfestivalrheinmain.de/de/kalender/schreibworkshop-luise-meier/

7 Michel Foucault (2006): Von anderen Räumen. In: Dünne/Günzel (Hg.), Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp, S. 320.

8  Van der Meulen/Wiesel (2016): Ästhetische Praxis als Dialog. In: Kauppert/Ebert (Hg.):Ästhetische Praxis, VS, S. 279.

9 Garcés (2008): Was vermögen wir? Vom Bewusstsein zur Verkörperung im gegenwärtigen kritischen Denken,transversal.

10  Vgl.: http://www.artandresearch.org.uk/v2n2/wudtke.html, letzter Zugriff. 14.03.2021.