„Wir als Künstler*innen haben auf gewisse Weise einen Außenseiter*innenstatus gewählt“

Beatrice Moumdjian (*1986) ist freischaffende Künstlerin. Sie hat in Den Haag (Niederlande), Weimar und Leipzig Bildende Kunst und Medienkunst studiert. 2020 schloss sie ihr Studium an der HGB Leipzig mit einem Diplom ab. Einen Einblick in ihre künstlerische Arbeit kann man hier finden: https://www.bpschuett.com/ und auf Instagram unter @surveillanceartist

J: Beatrice, wann und wie hast du dich entschieden, für bzw. von der Kunst zu leben?

B: Das ist schon immer ein Thema gewesen. Meine erste Absage an einer Kunsthochschule hab ich mit 16, die nächste mit 17 Jahren erhalten. Ich habe dann mit 19 angefangen, mein Schlafzimmer in ein Atelier umzuwandeln und dort Schmuck und irgendwann große Objekte aus Holz und Metall gebaut. Den Schmuck habe ich auch z.B. an Kolleginnen verkauft. Und einen Blog hatte ich auch, wo ich Sachen gezeigt und mit Leuten interagiert habe. Ich habe dann aber erst mit 27 Jahren wirklich angefangen zu studieren. Ich hatte mit 18 mein Abitur an der SfE in Kreuzberg nachholen wollen, einer linken Schule für Erwachsenenbildung die aus der Besetzerszene in Kreuzberg hervorgegangen ist. Die Prüfungsvorbereitung aufs externe Abitur mit insgesamt acht (statt nur vier) Prüfungsfächern habe ich machen wollen, weil ich dachte, danach alles studieren zu können. Ich wollte zwar wirklich schon immer Kunst machen, habe aber auch gleichzeitig sehr viele andere Interessen verfolgt, die man studieren kann und muss, um darin arbeiten zu können: Archäologie, Japanologie, Journalismus, Filmwissenschaften, etc. Deswegen wollte ich das Abi machen und abhaken, aber aus verschiedenen Gründen war mir das absolut nicht möglich. Ich war auch vorher schon auf eigenen Wunsch vom Gymnasium auf eine alternative Schule mit einem interessantem Lehrplan gewechselt, wo ich bereits Praktika bei einer Journalistin und im Fotolabor machen konnte. Nachdem ich das Abi also nicht gemacht habe, habe ich in Nebenjobs gearbeitet, wo ich auch viel neues lernen und ausprobieren konnte, was mir im Kunststudium geholfen hat.

J: Wie beurteilst du rückblickend deine Ausbildung, das Studium der Bildenden Kunst?

B: Es ist etwas absurd, Kunst als praktisches Studienfach an Kunsthochschulen anzubieten, und so zu tun, als wäre das das gleiche wie VWL, mit den BAföG-Bestimmungen und all den Regeln usw. Ich habe an vier verschiedenen Kunsthochschulen in zwei Ländern studiert und konnte an meinen verschiedenen Kommiliton*innen und mir selbst gut beobachten, dass das Kunststudium, egal welcher Façon, für viele Menschen eine Möglichkeit ist, um sich selbst besser kennenzulernen und herauszufinden, was sie tun wollen. Nach vier bis zehn Jahren Kunststudium wissen die meisten, woran sie bei sich selbst sind. Nicht alle werden oder wollen als freiberufliche Künstler*innen Geld verdienen. Ich weiss von einigen ehemaligen Kommiliton*innen, die zum Theater gegangen, Musiker*in oder Filmemacher*in geworden sind.

J: Kannst du von deiner Kunst leben oder musst du deine künstlerische Praxis durch andere Jobs querfinanzieren?

B: Jein. Eigentlich nein. Ich habe im September 2020 mein Kunststudium abgeschlossen und suche mir jetzt einen netten kleinen Job. Ich habe auch während des Studiums bis auf das letzte Jahr immer nebenbei gejobbt. Mein Partner hat mich unterstützt, vieles ausgelegt und bezahlt, sonst hätte ich das nicht geschafft, vor allem da mir das BAföG aufgrund eines Fehlers meinerseits über das ganze Studium hinweg versagt worden ist. Ich bin eigentlich für den Höchstsatz qualifiziert gewesen. Ich habe die Uni ein paar Mal gewechselt und habe mit dem Studium im Ausland begonnen, wo ich auch für kein Studienstipendium in Frage gekommen bin. Und später war entweder nicht der richtige Zeitpunkt und ich wusste gar nicht, dass ich mich auch selbst, ohne Professor*innenempfehlung, hätte bewerben können.


Das ist nämlich so eine Sache. Es wäre schön gewesen, wenn es mehr Unterstützung gegeben hätte. Du hast zwar nicht danach gefragt, aber da ist eine gewisse Leerstelle. Es wird erwartet, dass alle sich um alles selbst kümmern, aber gerade in der Kunst landen oft Leute ohne Akademiker*innenhintergrund, was in meinem Falle zwar nicht zutrifft. Bei mir ist es der Migrations- und Ostblockhintergrund. Was ich sagen will, es gibt generell nicht genug Unterstützung für Leute, die eben nicht die nötigen Netzwerke oder die mentale Einstellung von Haus aus mitbringen. Man könnte jedenfalls noch einiges machen, so dass alle das bekommen, was sie brauchen.
2017 habe ich ein kleines Stipendium in Form von einem Preis für ein Kunstwerk von meiner Hochschule bekommen. In den folgenden Jahren habe ich dann graduell mehr und mehr Geld durch Künstlerhonorare und Preise verdient, aber das hat bei weitem nicht die Lebenskosten gedeckt. Mein Abschluss liegt aber noch nicht so lange zurück und ich denke, dass da noch Luft nach oben ist. 

Ich habe auch Interesse daran zu lehren, und habe bereits einige Projekte mit jemand anderem zusammen gemacht, wo ich als Kunstlehrerin auf Augenhöhe kostenlos künstlerische Beratungen angeboten habe.

Was mir einfällt zum Stichwort Querfinanzierung ist, dass ich immer versuche, Projekte klug zu priorisieren und z.B. eine Residenz (Anm.: zeitlich begrenztes Arbeits- und /oder Aufenthaltsstipendium) oder ein finanziertes Projekt mit der Vorarbeit an einem anderen Projekt zu verbinden, wenn es Überschneidungen gibt. Auf diese Weise habe ich einige Langzeitprojekte entwickelt, die in die Tiefe gehen und konzeptionelle Querverweise zu anderen Projekten mitbringen. Oder ein anderes Beispiel, ich gehe als Assistentin meines Partners für sein eigenes gefördertes Projekt ins Ausland, und zusammen arbeiten wir dort an einer gemeinsamen Sache, die bei uns jeweils schon seit ein paar Jahren auf der To-Do-Liste steht. Da der Flug für uns beide durch seine Förderung bezahlt ist, ist dieses gemeinsame Projekt durch die günstige Gelegenheit auf meiner To-Do-Liste vorgerückt.

J: Was verstehst du unter künstlerischer Arbeit, in Abgrenzung zu anderen Formen der Arbeit?

B: Schwer zu beantworten, es ist eben eine Berufung. Ich glaube aber, dass auch andere Jobs, z.B. Unternehmensgründungen, mit viel Leidenschaft und Kreativität umgesetzt werden. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum man seine Kreativität als Unternehmer*in statt als Künstler*in oder Bühnenbildner*in auslebt. Es gibt meiner Meinung nach eher einen Unterschied zwischen Darstellenden Künsten und jeder anderen Arbeit, inklusive visueller Kunst. Es ist ein Unterschied, ob man Skulpturen in den Raum setzt oder mit seinem Körper arbeitet, wie in der Musik und Schauspielerei. 

Künstlerisch Denken, visuell und vor allem konzeptuell Denken, Strukturen zu erfassen und zu analysieren, Beschreibung und Wiedergabe, so könnte man meine Tätigkeit beschreiben.

Ich liebe Fotografie, und mache Filme oder Installationen damit. Ich liebe es, Skulpturen zu bauen und Filme zu schneiden, und ich arbeite gerne mit anderen Menschen und in Kollektiven. Eines meiner Projekte, dass ich vor kurzem auf Einladung für einen Wettbewerb entwickelt habe, ist eine Mischung aus künstlerischen, gestalterischen und kulinarischen Praxen, wobei die Interaktion mit Menschen eine weitere zentrale Rolle spielt. 

Ich schreibe auch. Das mache ich parallel zu allem anderen. 

Letztlich bedeutet künstlerische Arbeit die Freiheit, sich künstlerisch weiterzubilden und auszudrücken. Ich fühle mich deshalb sehr, sehr lucky, dass ich das tun kann und darf, und es mir erlaubt habe. Und glaube fest daran, dass es allen Menschen gut tut, sich kreativ auszudrücken. Viele Menschen erlauben sich das nicht, u.a. natürlich nicht zuletzt wegen des massiven finanziellen Drucks, das eigne Leben finanzieren zu müssen.

J:Was zeichnet dein künstlerisches Selbstverständnis aus und womit beschäftigst du dich in deiner Kunst?

B: Grundsätzlich interessiert mich in all meinen Arbeiten das Herunterbrechen auf das Einzelne, und das Konstruieren neuer Bedeutungen aus diesen Details. Meine Arbeiten sind oft investigativ.

Als Teenager habe ich mich als Aktivistin für Kinderrechte eingesetzt. Das hat meine künstlerischen Arbeiten beeinflusst. Man könnte sagen, im weitesten Sinne interessiert mich das Spannungsverhältnis zwischen Döner und erzgebirgischer Weihnachtspyramide. 

Unrecht, Machtverhältnisse, autoritäre Strukturen kommen in meinen Arbeiten vor. Meine Familienbiographie, die von verschiedenen politischen Ereignissen zwischen Eurasien und Westeuropa berührt worden ist, hilft mir dabei, meine Botschaft an das Publikum zu formulieren: das eigene Leben im Kontext von sozio-politischen und familiären Netzwerken genauer zu untersuchen um sich selbst und seinen Platz in der Welt besser zu verstehen. „Leben als zu untersuchender Fall“ - deswegen verwende ich wahrscheinlich in meiner multi-disiziplinären Praxis künstlerische Methoden, die kriminologischen und archäologischen Methoden ähneln. 

J: Künstlerische Arbeit unterscheidet sich in ihrer Praxis und vielen Bedingungen von anderen Formen der Arbeit und findet so gut wie nie in einem unbefristeten Angestellten-Verhältnis statt, wie es in Deutschland als Normalarbeitsverhältnis gilt. 90 % aller Beschäftigten in der Kunstbranche sind Solo-Selbstständige, freiberuflich tätig oder in Mini-Jobs beschäftigt. Das betrifft vor allem Künstler*innen aber auch Kurator*innen, Journalist*innen und Vermittler*innen.

Wie prekär diese Arbeit sein kann, ist seit März 2020 erstmals für eine größere Öffentlichkeit sichtbar geworden, seit Ausstellungen, Festivals, Konzerte, Messen, … immer wieder abgesagt werden mussten und Einnahmequellen ohne Ersatz wegfielen. Eine Studie des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes (Feb. 2021) prognostiziert für 2021 einen Verlust von bis zu 30 Milliarden Euro für die gesamte Kulturbranche, Einzelpersonen inbegriffen. Das macht deutlich, welche Wirtschaftskraft hier eigentlich liegt, die sich aber sehr unterschiedlich verteilt. Aus deiner Perspektive - was bedeutet künstlerische Arbeit in einem kapitalistischen, neoliberal organisierten Wirtschaftssystem?

B: Also, zunächst einmal ist das Kunstsystem auf den ersten Blick ja das glatte Gegenteil vom kapitalistischen System. Welches Produkt lebt denn von seiner Limitierung? Das Luxusprodukt! Aber Kunst sollte kein Luxusprodukt wie ein Maserati sein, es sollte gefälligst ein Massenprodukt wie Musik sein. Auch da gibt es graduelle Unterschiede. Popmusik ist ein Massenprodukt, Experimentalmusik nicht, selbst wenn es auf einem Label veröffentlicht wird, gibt es aber trotzdem die Erwartung, möglichst viele Zuhörer in seiner eigenen Nische zu finden, ob man damit Geld verdienen kann, oder nicht. Wir als Künstler*innen haben es gut, da wir nur den/die eine*n Liebhaber*in finden müssen, der das Kunstwerk kauft. Auch bei Bewerbungen wie z.B. auf Residenzen muss ich nur auf ein paar Stimmen oder die Einigung einer winzigen Jury von vielleicht sechs Personen hoffen, die meine Arbeit toll finden oder sich dafür einsetzen.

Ich mache mir Gedanken, wie es mit der Kunstwelt weiter gehen wird. Man sieht eine Veränderung, dass willkürlich wirkende Altersgrenzen bei Stipendien angehoben werden oder wegfallen. Das liegt bestimmt daran, dass es immer mehr „junge“ Künstler*innen gibt, die erst mit Anfang 30 ihr Studium abschließen und ihre „Marke“ entwickeln, oder sich einfach noch mehr ausprobieren wollen. Da machen Altersgrenzen bis 35 Jahre natürlich nicht so viel Sinn. Meiner Beobachtung nach gibt es ein gewisses Brodeln, was man an einigen institutionskritischen neuen Social Media Kanälen sieht und ich persönlich in vielen Gesprächen mit Kolleg*innen mitbekomme. Viele Künstler*innen und Kurator*innen wünschen sich mehr Transparenz, Offenheit und Hingabe von ihren institutionellen Partner*innen, und versuchen, dies in ihrer Arbeit selbst umzusetzen.

J: Es gibt dieses geflügelte Wort von der „brotlosen Kunst“, das Thema des „armen Künstlers“ wird in der Malerei und Literatur schon seit dem 18. Jahrhundert verhandelt. Besonders bekannt ist das Gemälde „Der arme Poet“ (1893) von Carl Spitzweg, das laut einer Umfrage zu den beliebtesten Bildern der Deutschen zählt. Die Popkultur führt dieses Motiv des armen aber genialen Künstler-Typus fort und trägt damit zu einer anhaltenden Romantisierung von äußerst prekären Lebensumständen bei. Was denkst du, hat Prekariat mit Kreativität zu tun?

B: Prekariat erfordert einen besonderen Umgang mit der eigenen Kreativität, man muss andere Wege finden um sich selbst auszudrücken, als jemand mit scheinbar unbegrenzten Ressourcen und Unterstützung. Diese Umwege führen dann auch ans Ziel. Das wichtigste ist, sich selbst zu finden und herauszufinden, was es ist, dass man dringend sagen will. Die Mittel, die man dafür wählt, reflektieren ohnehin die eigenen künstlerischen Werte, das, was man verstecken will, das, was man wertschätzt sowie die eigene Umgebung. In prekären Verhältnissen, ob sozial, ob finanziell, muss man kreativ werden, um sich philosophisch oder materiell daraus zu befreien.

Die Ungleichheit macht, dass viele aufhören mit der Kunst. Und die Ungleichheit macht, dass viele überhaupt damit anfangen.

J: Um den prekären Bedingungen entgegenzuwirken fordern z.B. der BBK (Bund Bildender Künstler*innen), weitere Künstlerverbände und Einzelpersonen seit vielen Jahren feste Honorarsätze und geben Empfehlungen diesbezüglich ab. Aber es ist weiterhin nicht üblich, dass Institutionen, Behörden, öffentliche Auftraggeber etc. die Arbeit von Künstler*innen nach der jeweiliger Tätigkeit (Konzeption, Umsetzung künstlerischer Arbeit, Transport und Aufbau, Öffentlichkeitsarbeit, Workshop-Leitung, Vortrag …) aufschlüsseln und angemessene Stundensätze oder Honorarpauschalen zahlen. In der Regel erhalten Künstler*innen für die Beteiligung an Ausstellungen u.ä. ein Gesamthonorar, dass bei der Umrechnung in einen Stundensatz in der Regel weit unter dem Mindestlohn landet. Welche Rolle spielt das Honorar für dich in der Verwirklichung deiner Projekte und welche Erfahrung machst du damit?

B: Wenn schon kein Grundeinkommen, wofür ich 100% bin, wäre ich zumindest für eine Zwischenlösung und für ein Grundhonorar für alle Künstler(isch) Arbeitenden.

Erst seit einigen Jahren arbeite ich mit staatlich geförderten Institutionen zusammen. Ärgerlich ist, dass es keine festgesetzten Honorare, und praktisch gar keine Honorare bei Filmfestivals gibt. Auch, dass Honorarhöhen sich so stark unterscheiden ist eine Folge von einem uneinheitlichen Fördermittel-System unter den Institutionen. Es gibt so viele Fördertöpfe, so viele Verteilungen, und dann wird das auch noch in jedem Bundesland anders geregelt. Ich habe auch schon gezielt nach Honoraren gefragt, z.B. bei Filmfestivals, und meistens stimmt mir die jeweilige Kontaktperson zu, `ja, das sollte man machen`, aber sagt, dass sie leider nichts daran ändern könne, dass es keins gibt. Für mich ist das normal, aber z.B. die Existenz von W.A.G.E., Aktivistinnen, die sich für die faire Bezahlung von Künstler*innen einsetzen, halte ich für unterstützenswert. Auch der BBK macht dahingehend tolle Arbeit, so weit ich das mitbekomme.

Ich arbeite natürlich unter dem Mindestlohn, aber ich arbeite auch 1000 Stunden in der Woche. Ich neige zu verbalen Übertreibungen, aber es ist so, dass das Kunstschaffen mein gesamtes Leben bestimmt. Wie sollte das entsprechend vergütet werden? Die Milliardäre dieser Welt werden ja auch nicht fair bezahlt. Wer bestimmt das? Es wäre schön, wenn Kunst gesellschaftlich einen höheren Stellenwert hätte, dann gäbe es sicherlich auch höher angesetzte Gesamthonorare. Nicht nur ein paar 100 Euro pro Projekt oder öffentliche Anerkennung, sondern Vergütungen, die es den einzelnen Künstler*innen ermöglichen, dauerhaft ihr Leben davon zu bestreiten. Sozusagen ein Jahressold. Andererseits: wem nützt die Kunst? Wir leben in einem Wirtschaftssystem, in dem sogar für Popmusik nicht mehr so viel Geld vom Publikum ausgegeben wird. Ich finde, Kunst (jegliche) ist ein Wert an sich, die Zuwendung zum künstlerischen Arbeiten ist etwas für den Menschen selbst und das könnte man als Gesellschaft jedem einzelnen ermöglichen. Für mich beißt sich da die Katze in den Schwanz, letztendlich muss es bessere Kunst geben, aber die Frage ist wiederum, was ist besser?! Kunst ist eben auch ein Lifestyle, dass sieht man daran, wieviele Mainstream-Popkünstler*innen sich von sperriger Avantgarde Kunst beeinflussen lassen oder sie kopieren, und sie dabei verstreamlinen. Das soll auch nicht alles gewesen sein. Es muss auch Platz geben für dieses Andere.

Damit muss ich nochmal ganz kurz auf die Berufung zurückkommen. Wir als Künstler*innen haben auf eine gewisse Weise einen Außenseiter*innenstatus gewählt. Du als Kuratorin, sagen wir mal stellvertretend für alle anderen, verwaltest diesen Output gewissermaßen. Du versuchst Themen zu finden, wo was reinpasst, schreibst Konzepte und so weiter. Ich frage mich, was du von Künstler-Kurator*innen hältst? Ich persönlich betrachte mich als Researcherin, die ihre konventionell und unkonventionell erarbeiteten Forschungsergebnisse in Film und Fotografie wiedergibt. Mit einem wissenschaftlichen Studienabschluss könnte ich mich weiter qualifizieren aber ich habe auch so schon Ausstellungen mit der Beteiligung anderer Künstler*innen gemacht und das Produzieren und Organisieren interessiert mich sehr, raubt aber auch Zeit, die ich in meine eigene Arbeit stecken könnte. Also mit anderen Worten, denkst du, es wäre sinnvoll, wenn es schon im Studium mehr Zusammenarbeit gäbe zwischen Kunsthistorikerinnen und Künstlerinnen?

Damit schließe ich noch mal an die vorherige Frage an: Ich denke, Arbeitsmodelle werden sich langfristig verändern. Wir müssen unsere Arbeitsmodelle selbst in die Hand nehmen, wirtschaftlicher denken und handeln, um uns weniger an andere anzupassen, und stattdessen eigene Visionen umzusetzen. Ich weiss, dass viele das nicht wollen oder in ihrem Leben brauchen, wenn sie sich gut eingerichtet haben mit der institutionellen Förderung, schon genug Aufmerksamkeit bekommen oder daraufhin arbeiten. Da spricht bestimmt die Entrepreneurin in mir. Ich denke jedoch, dass da, wie gesagt, Luft nach oben ist für ganz neue Förderstrukturen, an die sich bislang höchstens vielleicht Think Tanks oder philosophische Texte heranwagen.

J: Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

B: Die Arbeit ändert sich wöchentlich. Das gerade abgeschlossene Projekt bestand zunächst einmal aus dem monatelangem Basteln und Backen von Gegenständen. Dann habe ich etwa eine Woche mit dem Arrangieren und Fotografieren dieser Gegenstände für eine Fotoserie verbracht. Darauf folgte das Entwickeln und Digitalisieren der Negative und die Auswahl, das color timing (Anm: Farbbearbeitung) und schließlich das Layout für eine Plakatserie. Die Plakatserie entsteht anstatt einer klassischen Ausstellung mit Fotografien in der Galerie, die wegen Corona-Maßnahmen umgewandelt wurde. 

Ich arbeite täglich gezielt acht bis elf Stunden. Dazu kommen Lesen, Nachdenken, in die Gegend starren… Und ich arbeite immer an mehreren Projekten gleichzeitig. So bringe ich meine verschiedenen Ideen Stück für Stück voran. 

J: Wer und was unterstützt dich strukturell in deiner Arbeit? Und was wünschst du dir?

B: Ich würde gerne einmal ein Netzwerk gründen. Ich habe so viele interessante Freund*innen und Gesprächspartner*innnen kennengelernt, so viele Leute, die ich gerne über eine gemeinsame aktivistische oder konzeptuelle Arbeit näher kennenlernen würde. Strukturell fehlt mir ein Ort, wo man sich trifft. Alles muss man selbst machen. Ich versuche gerade einfach alles auf die Reihe zu bekommen und hoffe, dass ich irgendwann das Netzwerk oder die Agentur, die ich gründen will, umsetzen kann. Andere Dinge haben jetzt kurz nach meinem Abschluss Vorrang. Es ist immer ein Austarieren von dem Wunsch und Drang, sich sozial zu engagieren und sich selbst durchzusetzen, zunächst einmal bei sich selbst, und seine eigenen Wünsche für sich zu ordnen und Prioritäten zu setzen.

J: Neben deiner eigenen Praxis, welche Bedingungen der Kunstbranche beeinflussen dich maßgeblich in deiner Arbeit? Welche Machtstrukturen prägen deine Arbeitsumwelt?

B: Dass ich mich regelmäßig bewerben muss und dann ausgewählt werde. Ich komme quasi aus der Bewerbungsphase momentan nicht heraus, im Gegensatz zu einem „normalen“ Job, wo das erledigt ist, sobald du als erfolgreiche*r Kandidat*in aus dem Vorstellungsgespräch kommst. Ich frame das so, dass es sich nicht so anfühlt, als sei ich machtlos. Ich wähle schließlich, für was ich mich bewerben will. Ich biete meine Arbeit an, nachdem ich abgewägt habe, ob ich die Aufgabe erfüllen kann. Das ich abgelehnt werden kann, ist eben Teil dieses Spiels. 

Und dann gibt es ja noch andere Sachen, wo Kollaborationen zustande kommen. Ich denke, darauf läuft es hinaus, das eigene Netzwerk zu erweitern und mit tollen Leuten zusammen zu arbeiten. Für mich ist es seit Jahren so, dass Freund*innen zu Kolleg*innen mutieren und wieder zurück, auch früher, als Geld noch keine Rolle spielte. Generell macht es mir Spaß, über künstlerische Arbeit neue Menschen besser kennenzulernen, und da muss man offen über Machtverhältnisse sprechen, Grenzen ziehen und auch mal entspannen können. Ich würde mein professionelles Netzwerk gerne weiterhin auf verschiedenen Wegen erweitern.

Open calls (Anm.: Öffentliche Ausschreibungen für Projektvorschläge) z.B. können manchmal eine Möglichkeit bieten, sein Netzwerk langfristig zu erweitern. Sie sind aber auch tough, weil es keine Transparenz gibt; was ist eigentlich gewollt? Warum ist eine Ausschreibung so geschrieben und nicht anders? Ich vergleiche Ausschreibungstexte auch miteinander und finde interessant, was sich in den letzten Jahren geändert hat. Politische Themen sind präsenter geworden und es stellt sich mir die Frage, was genau sich die Ausschreibenden darunter vorstellen. Andererseits liebe ich open calls, sie geben mir immer Inspiration, eine meiner bestehenden Arbeiten in einem anderen Licht zu betrachten oder die Möglichkeit und Motivation, etwas Neues zu entwickeln. Ausschreibungen öffnen die Institutionen auch einer breiteren Öffentlichkeit gegenüber. Sie erlauben es Künstler*innen ohne Kontakte, ihre Arbeit vorzustellen und ggb. von der Anonymität zu profitieren. Offenheit ist wichtig, und Transparenz. Einige wenige Institutionen z.B. entscheiden über zu realisierende Projekt in demokratischen Abstimmungsprozessen.

Auf Studienbedingungen gehe ich jetzt nicht ein, aber da sind Machtverhältnisse klassisch unbalanciert. In jedem Land gibt es im Kunsthochschulsystem auch etwas positives, das man für eine hypothetische „ideale Kunsthochschule“ zusammenstellen könnte.

J: Ich finde das sehr treffend, wie du diese nie endende Bewerbungsphase beschreibst. Für mich ist das ein ziemlich starkes Bild dafür, was die Tätigkeit von vielen Künstler*innen von einem Normalarbeitsverhältnis unterscheidet. Denn es macht deutlich, wie sehr die eigene Arbeit abhängig ist von der ständigen Bewertung anderer, z.T. noch bevor sie überhaupt entstanden ist. Wie gehst du damit um, wenn dein Projektvorschlag, deine Arbeit, abgelehnt wird?

B: Es ist gerade bei dicken Sachen schlimm und macht mich fertig. Aber ich habe auch bei anderen Absagen eine recht dünne Haut. Bei den größeren Sachen habe ich oft daran zu knabbern und versuche, etwas daraus zu lernen, neue Strategien oder Antworten und Fragen zu finden. Ich hab schon mal einen Anti-Lebenslauf gemacht, wo ich meine Absagen dokumentiere. Ich hatte den online gestellt, aber erstmal nur auf die Kunsthochschulen beschränkt. (Alle anderen Absagen hätten extrem viel Arbeit gemacht.) Aber mir fehlte da der Zusammenhang, deshalb hab ich ihn wieder offline gestellt. Ich sehe gerade diese Absagen nämlich auch als strukturelle Schwäche an... Warum haben mich gerade die Kunsthochschulen damals vor 10 Jahren abgelehnt, und andere genommen? Ich wurde an einigen Kunsthochschulen im Vorstellungsgespräch uninspiriert zu meinem biografischen Hintergrund befragt. Ich war leider noch sehr schüchtern, eigentlich war es richtige Panik, und ich hatte Schwierigkeiten, meine Gedanken gegenüber dieser geballten Macht von abschätzig blickenden Professor*innen zu formulieren.

J: Stichwort Biografie. In der Kunst werden u. A. gesellschaftliche Missstände und individuelle Erfahrungen von Diskriminierung, Ausschluss etc. zum Thema gemacht und können auf andere Weise verhandelt werden, als z. B. im Sport oder den Medien. Klassismus und Diskriminierung sind aber nicht nur Thema in der Kunst selbst sondern auch eine Realität im Kunstbetrieb, wie du ja gerade mit einem Beispiel angedeutet hast. Das wird von vielen Seiten stark kritisiert, Veränderungen angestoßen, und z.B. am Begriff der Diversität diskutiert. Was denkst du, welche Rolle spielt das Konzept der„Identität“ in der Kunst?


B: Identitätspolitik wird sich langfristig sicher nicht halten können, aber momentan ist sie dazu da, Türen zu öffnen für Menschen, die vielleicht nicht wussten, dass es diese Türen überhaupt gibt. Mir hätte als Jugendliche ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für Ungerechtigkeit, feministische und anti-diskriminierende Werte außerhalb von Subkulturen geholfen, mich aus den Zwängen, die mir mein Aufwachsen gebracht hat, zu befreien. All diese Wunden aus der Kindheit und von den ersten Schritten in die Kunstwelt hinein trage ich bis heute mit mir herum, und jede Absage hätte die Macht in sich, sie wieder aufzureissen, wenn ich nicht kontinuierlich an mir arbeiten würde.

Es gibt auch das Problem, wenn man sich mit Identitätspolitik in der Kunst beschäftigt, dass man da natürlich seine eigene Identität zum Thema macht, und das zunehmend eine Belastung werden kann. Trauma, Rassismus bzw. Xenophobie und Diskriminierung sind manchmal Thema bei meinen Arbeiten, und natürlich hat es jemand leichter, damit zu arbeiten, für den das nur ein „Thema“ ist, kein Schicksal mit persönlichen Verknüpfung. Das ist aber der Preis, den man als Künstler*in bezahlt, um sich auszudrücken und der Außenwelt mitzuteilen.

Ich will das mal mit einem persönlichen Beispiel verdeutlichen: ein Ausstellungsprojekt eröffnete mir 2019 die Möglichkeit, mich mit dem politischen Aspekt des Armenischen Genozids zu beschäftigen. Und zwar aus der Perspektive einer in Deutschland aufgewachsenen Armenierin. Das Deutsche Kaiserreich war im frühen 20. Jahrhundert als Waffenlieferant und politischer Verbündeter maßgeblich an der genozidalen Kampagne an Armenier*innen, Griech*innen und Assyrer*innen beteiligt und hat die Logistik der tödlichen Deportationen in die Wüste zwischen 1915 und 1919 facilitiert. Es war hart, bei der Recherche auch immer wieder auf in Deutsch verfasste Texte und Webseiten zu stoßen, darunter Dissertationen, die den Genozid leugnen und alle wissenschaftlich erbrachten Nachweise propagandistisch verleumden. Es gibt kein Gesetz, das das verbietet. Das tut mir weh, weil Teile meiner eigenen Familie ermordet wurden und der Rest unter persönlichen Opfern nach Bulgarien fliehen konnte. Ich bin in Deutschland gelandet, wo diese Ereignisse wiederum nicht politisch thematisiert werden und für das Unrecht keine Verantwortung übernommen wird. Aber ich hatte als Künstlerin die Möglichkeit, diese Erschütterung künstlerisch in etwas anderes umzuwandeln, meine Identität in einzelne Elemente zu Fragmentarisieren und sie in künstlerisches Material zu verwandeln.

Die eigene Identität ist auch ein Kapital, um auf Ungerechtigkeit in der Welt hinzuweisen, aber langfristig bedeutet das, das wir uns selbst ausbeuten. Wenn ich mich künstlerisch mit mir beschäftige, um einen Spot in einer Ausstellung zu bekommen, kann ich mich nicht anderen Themen widmen, die mich auch interessieren.

Eine weitere Facette ist, dass mir eine Identität ja auch von außen aufgedrückt wurde. Man muss sich quasi irgendwann damit beschäftigen, weil man von außen mit (ungerechten) Erwartungen und Projektionen konfrontiert wird, die man irgendwann auch mal wieder an die Absender zurück schicken will.

J: Ich verstehe, dass du den Praktiken einer Identitätspolitik (Anm: Anerkennung der Erfahrung von systematischer Ausgrenzung, Gewalt gegen marginalisierte Gruppen hin zur Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses) kritisch gegenüber stehst, da sie auch immer mit den ihr zugewiesenen diskriminierenden Kategorien umgehen muss und zum Teil deren Logik weiter verwendet, um bspw. Begriffe umzudeuten. Das Programme und Angebote z.T. aufgesetzt wirken, wenn sie zur politischen Agenda gerinnen, aber nichts mit einem wirklichen Wandel im Denken zu tun haben. Das es anstrengend und übergriffig ist, sich aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe gezwungenermaßen mit bestimmten Themen auseinander setzen zu sollen. Inwiefern informieren deine eigenen Gewalterfahrungen deine Arbeit als Künstlerin?

B: Ich identifiziere mich mit Opfern von Rassismus, Diskriminierung, Sexismus, Homophobie, Gewalt allgemein, weil ich aus eigenem Erleben weiß, wie sich das anfühlt. Als Kind musste ich mir in verschiedenen Situationen zahllose Beleidigungen anhören und psychische, emotionale und körperliche Gewalt ertragen, und wusste nicht, dass und wie ich mich wehren kann. 

Meine künstlerische und politische Schlussfolgerung aus diesen traumatisierenden Erlebnissen ist, dass wir als Individuen noch viel mehr verstehen und darüber lernen müssen, was uns verbindet im Geflecht von Ungerechtigkeit, historisch und global gesehen. Das ist eine ewige Arbeit. Und man muss diesen Schmerz spüren, auch die erlebten Ungerechtigkeiten in der Familie, aus der Kindheit, aus der Schule, aus der Gesellschaft. Der Schmerz ist unerträglich, wenn man ihn jeden Tag einlädt und zulässt. 

Und jetzt kommt’s: mit diesem Gefühl [des Schmerzes, der Ungerechtigkeit] Kunst zu machen, das geht nicht. Ich muss mich davon distanzieren, und erst dann kann ich auf neue Ideen kommen, die dieses Bedürfnis nach „Ganzheit“, Gerechtigkeit und Humanität thematisieren, befeuern oder transzendieren: Dass wir eine Welt erfinden durch Kunst, wo es diese Verantwortung und Schuld nicht mehr gibt, auch wenn das eine Utopie ist. 

Generell bin ich sehr offen dafür, die Welt auch außerhalb der Kunst mit sich selbst zu verknüpfen, um die Welt und sich selbst besser zu verstehen, das sollten alle mal ausprobieren, nicht nur Künstler*innen. Jede*r kann Verantwortung für das eigene Leben übernehmen, indem er/sie sich seine/ihre Werte klar macht und danach lebt. Das sollten nicht die historisch Ausgeschlossenen für die Gesellschaft übernehmen müssen, das gleicht einer Selbstaufopferung. Aber momentan ist es eine Möglichkeit für viele von uns, die Verletzungen, die wir durch die Gesellschaft erfahren haben, nach und nach zu verbalisieren, uns zu öffnen, und vielleicht zum ersten Mal Gehör zu finden. Dieser Moment der Selbstfindung innerhalb der Gesellschaft wird sich für uns alle langfristig in etwas größeres verwandeln.