„Es wird nicht verstanden, dass mein Leben im Moment on hold ist“

Angelika Kehlenbach ist freischaffende Künstlerin, Dozentin für Kunstkurse und angehende Coach. Als diplomierte Biologin war sie viele Jahre an der Universität tätig, bevor sie sich für ein Studium der Kunst entschied. 2019 schloss sie das Studium der Bildenden Kunst an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft mit einem Bachelor ab. Einen Einblick in ihre künstlerische Praxis erhält man auf ihrem Instagram Profil @lik_a

J: Angelika, wir haben uns vor ein paar Jahren in Heidelberg kennen gelernt und tauschen uns seitdem über unsere Erfahrungen in der Kunstwelt und darüber aus, was es bedeutet künstlerisch zu arbeiten.Vor deinem Kunststudium hast du einen Abschluss in Biologie erworben und viele Jahre im Universitätskontext gearbeitet. Wann und wie hast du dich dafür entschieden, dich voll und ganz der Kunst zu widmen und noch einmal ein Studium zu beginnen?

A:Kunst war schon immer Teil meines Lebens. Ich habe in Kunst Abitur gemacht, mich aber in jungen Jahren gegen ein Kunststudium entschieden. Die Option, Kunst zu studieren war damals in meinem Denken, in meinem Lebensentwurf überhaupt nicht möglich. Dennoch hat sie mich in ihren verschiedenen Ausprägungen immer begleitet. Ich habe vor 20 Jahren mit dem Malen angefangen, zunächst als Autodidaktin. Dann habe ich Malkurse bei verschiedenen Dozenten und in der Volkshochschule besucht. Dort habe ich einen sogenannten Jahreskunstkurs belegt, der mir zum ersten Mal zeigte, wie schön es ist, sich in einer Gruppe konzentriert ein Jahr lang mit Kunst und Kunstgeschichte auseinander zu setzen. Und zu lernen. Aber erst eine persönliche Krise brachte mich auf dem Weg zum Kunststudium.

Letztlich war es die Aussage eines Kunstprofessors in einem Interview im Deutschlandfunk, die mich dann meinen Wunsch konkretisieren ließ. Er sagte, die Erfahrung, ganz einzutauchen in die Kunst, in einen Kontext, und mit Menschen zu leben, denen Kunst das wichtigste ist, wird einem Autodidakten immer abgehen. Rückblickend kann ich sagen, dass der Wunsch schon immer da war und ich es mir nicht gestattet hatte, ihm nachzugeben.

J: Was verstehst du unter künstlerische Arbeit?

A: Für die künstlerische Arbeit braucht man viel Freiraum und Muße. Man braucht lange Strecken des Nichts, des Nichts-tun-müssen’s, manchmal auch des Nicht-Denkens.
Vielleicht kommt man so an das Unbewusste. Vielleicht kommt man so an das unterbewusste Denken, dass irgendwie die Kunst hervorbringt, wenn man es zulässt. Es ist wie ein Gärungsprozess, man setzt was an oder man pflanzt einen Samen und dann muss man das noch ne Weile lang sich selbst überlassen. Das Unbewusste sozusagen übernehmen lassen. Es gehört Mut dazu, sich diesem Ungewissen zu überlassen und man muss auf den Prozess vertrauen können. Künstlerische Arbeit ist ein prozessorientiertes Arbeiten, sie ist nicht ergebnisorientiert. Denn oft ist das Ergebnis nicht von vornherein bekannt oder es wird anders, als man sich es vorstellt d.h. es braucht eine gewisse Offenheit sich selbst und dem Prozess gegenüber.

J: Was zeichnet dein Selbstverständnis als Künstlerin bzw. deine künstlerische Praxis aus?

 A:Ich muss gestehen, ich hab ein bisschen Angst vor dieser Frage. Aber ich stelle mich dem jetzt.
Das Unterrichten von Malkursen etc. ist für mich Teil meiner künstlerischen Praxis. Nicht zuletzt hast du mich in unserem letzten Zoom Meeting darauf gebracht. Ich habe dadurch verstanden, warum das Unterrichten mir so wichtig ist und warum es so eng mit mir und meiner Person verknüpft ist. Weil es für mich Ausdruck ist: Es ist Ausdruck meiner Fähigkeiten und meiner Erfahrungen, die ich anderen Menschen zur Verfügung stelle. Ich gebe ihnen Raum und Zeit, stelle ihnen für ihre persönlich Entwicklung einen Raum zur Verfügung. Und ab und zu gebe ich kleine Impulse. Das sind dann Gespräche, kleine künstlerische Übungen, ein Gedicht, ein Auszug aus einem Text, den ich vorlese. 
Mein künstlerisches Selbstverständnis ist von Bewegung, Transformation, Wandel und Veränderung geprägt. Ich arbeite mit unterschiedlichen Materialien wie Ton, Stein, Leinwand oder eben auch im Dialog mit anderen Menschen.
Wenn ich Kunst mache ist es mir wichtig Atmosphären darzustellen, Stimmung wiederzugeben, die ich erlebt habe. Dabei spielt Ambiguität eine große Rolle, die Gegensätze von dem Schönen und dem Hässlichen, Gut und Böse, lebendig und tot. Vanitas-Symbole (Anm. Vergänglichkeitssymbole, die besonders im 17 Jh. ein häufiges Bildmotiv in der Malerei waren) sind sehr präsent in meiner Arbeit. Das Abgründige und das Morbide des Lebens, neben aller Schönheit und Freude. Alles ist gleichzeitig da. In jeder Sache lebt dieser Dualismus, jede Sache ist gleichzeitig schön und schrecklich. Viele Menschen sperren sich gegen das Schreckliche, sie wollen nur dasSchöne sehen. Dagegen wehre ich mich, denn ohne das Schreckliche gibt es auch das Schöne nicht. Diesen Dualismus zeige ich.

J: Welche Zuschreibungen bzw. Vorstellungen über die Arbeit der Künstler*in von Außen erlebst du?

A: Ich erlebe eigentlich nicht viel Negatives. Das kann aber auch darin begründet sein, dass die Leute gar nicht verstehen was ich da eigentlich mache. Und vielleicht sehen sie mich mehr als Mensch denn als Künstlerin. Allerdings merke ich, dass sie nicht so wirklich verstehen, gerade jetzt in dieser Pandemie Situation, wie eng Arbeit und Persönlichkeit bei Künstler*innen verknüpft sind. Und damit meine ich in meinem Fall, die Arbeit unterrichten zu dürfen. Natürlich kann ich jetzt künstlerisch für mich selbst arbeiten. Das fällt mir im Moment unglaublich schwer, weil eben ein großer Teil meiner künstlerischen Praxis im Unterrichten besteht, ich dort inspiriert werde und mich selbstwirksam erlebe. Ich merke, dass das nicht wirklich verstanden wird. Diese spezifische Besonderheit wird nicht verstanden. Und auch nicht, wie wichtig es für mich ist, Inspiration aus Kunst und Kultur, aus der Natur und durch Reisen zu beziehen. Dass diese Dinge, die im Moment nicht möglich sind, immens wichtig für mich sind, persönlich, aber auch für meine Arbeit, meinem Selbstverständnis. Es wird nicht verstanden, dass mein Leben im Moment on hold ist.

J: Kannst du von deiner Arbeit als Künstlerin leben? Musst du deine künstlerische Praxis durch andere Jobs querfinanzieren?

A: Ich habe erst vor einem Jahr meinen Abschluss gemacht und bin noch nicht so weit von der Kunst leben zu können. Allerdings läuft es ganz gut an, denn zu meiner künstlerischen Praxis gehört eben auch die Kunstvermittlung und meine Dozentinnen-Tätigkeit. Und da habe ich schon einiges aufgebaut. Das ist vielleicht eine Besonderheit bei mir, denn ich empfinde das, was zwischen mir und dem Teilnehmenden meiner Kurse passiert, als Kunst. Es ist ein zutiefst künstlerischer Prozess, einen Menschen auf der Suche nach seiner eigenen Kunst zu begleiten. Denn die Kunst wirkt so transformierend auf den Menschen bei seiner Suche nach künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, dass er in seiner Persönlichkeit berührt und verändert wird. Und diesen Transformationsprozess begleite ich. Ich empfinde das ganz ähnlich, wie wenn ich selbst an einem Bild male. Der Mensch, den ich unterrichte, ist sozusagen die Leinwand und genauso wie das Bild zu mir spricht, wenn ich es male, spricht eben auch der Prozess der Teilnehmenden in meinem Kurs zu mir.

J: Seit Jahrzehnten wird vom BBK (Bund Bildender Künstler*innen), weiteren Künstlerverbänden und Einzelpersonen in Deutschland eine angemessene Vergütung von Künstler*innen für die Nutzung ihrer Werke in Ausstellungen und Publikationen gefordert. Noch immer ist es weithin unüblich, die Arbeit von Künstler*innen nach der jeweiliger Tätigkeit (Konzeption,Umsetzung künstlerischerArbeit, Transport und Aufbau, Öffentlichkeitsarbeit, Workshopleitung, Vortrag o.ä.) aufzuschlüsseln und angemessenen Stundensätze bzw. Pauschalhonorare zu zahlen. In der Regel erhalten Künstler*innen für die Beteiligung an Ausstellungen u.ä. ein Gesamthonorar, das bei der Umrechnung in einen Stundensatz häufig unter dem Mindestlohn landet. Welche Rolle spielt das Honorar für dich in der Verwirklichung deiner Projekte und welche Erfahrung machst du? Z.B. auch wenn du das mit Honoraren aus deiner „alten“ Karriere oder dem Coaching vergleichst.

A: Ich finde die Honorare für Kunstkurs-Dozent*innen sind unangemessen und honorieren nicht, was da eigentlich geleistet wird. Man erhält keine Vergütung für die Vorbereitung, Fahrtkosten und Übernachtungskosten werden in der Regel nicht erstattet, ein Ausfall Honorar ist meist nicht vorgesehen. In der Wirtschaft ist das alles verhandelbar. Und natürlich sind die Honorarsätze in der Wirtschaft auch ganz andere.

J: Welche institutionellen, künstlerischen, persönlichen, kollektiven, lokalen, zeitlichen, virtuellen Räume brauchst du, um deine Tätigkeit praktisch umzusetzen?

A: Ich brauche ein Atelier, d.h. einen Raum, in dem meine Materialien sind, in dem ich sein kann, in dem ich kontemplieren kann, in dem ich mich inspirieren lassen kann von dem, was um mich herum ist. Das muss ein Raum sein, der selbst schon inspiriert und schön gelegen ist. Ich brauche die Bewegung, auch in Form von Reisen. Das Reisen bewegt mich im Kopf und bewegt meinen Körper, es verschafft mir neue Eindrücke und setzt mein Denken in Gang. Ich brauche Austausch - geistigen Austausch, seelischen Austausch, emotionalen Austausch und Ansprache. Ich brauche den Kontakt zu Menschen, die mir nahe stehen. Ich brauche meine Sachen um mich. Ich brauche aber auch einen Alltag und Gewohnheiten jenseits der künstlerischen Praxis.

J: Wer und was unterstützt dich strukturell in deiner Arbeit?

A:Die Künstlersozialkasse (KSK) ist ein Segen für mich. Ich bin über sie mit einem sehr kleinen Anteil krankenversichert und sie bedeutet auch, einen gewissen Status zu haben. Viele Türen stehen einem offen, wenn man sagt, man ist in der KSK.

J: Welche Rolle spielt Leidenschaft in deiner Arbeit?

A: Leidenschaft ist alles! Ohne Leidenschaft macht mir die Arbeit keinen Spaß. Das ist auch manchmal verhängnisvoll, denn man wiederholt sich ja auch manchmal oder muss Dinge noch einmal tun und wenn der Zauber, der jedem Anfang inne wohnt, nicht mehr da ist, fällt es mir schwer mich zu motivieren.

J: Welche Rolle spielen Stabilität und Sicherheit für dich als Künstlerin?

A: Beides hätte ich gerne, aber merke auch, dass beides vielleicht auch ein bisschen träge macht. Vielleicht sind sie gar nicht so gut. Aber eine gewisse Grundabsicherung was das Wohnen und die Finanzen angeht ist schon sehr wichtig. Irgendein Polster muss man haben, auf das man fällt oder auf das man sich betten kann.

J: Welche Rolle spielt für dich in künstlerischen Prozessen das Scheitern?

A: Scheitern – sehr schwierige Angelegenheit! Ich weiß, dass Scheitern mich oft auf neue Wege bringt, mich oft auf das Beste bringt, was ich je getan habe, und dennoch ist es so schwer auszuhalten. Schnell kommen dann die kritischen Stimmen, die einen klein machen, wenn etwas nicht so klappt, wie man es sich vorgestellt hat. Die Fähigkeit, in dem Moment des Scheiterns loszulassen und sich auf eine Metaebene zu begeben und zu sagen „Aha, mal gucken was das hier ist“, fällt mir manchmal schwer. Allerdings habe ich mittlerweile begriffen, Werke, die vermeintlich gescheitert sind, liegen zu lassen und mit etwas Abstand von ein paar Tagen, ein paar Stunden, ein paar Wochen, ein paar Monaten, ein paar Jahren anzuschauen, nur um dann festzustellen: „Wow was hast du denn da gemacht!?“

J: Woran scheiterst du persönlich (z.B. an Strukturen, eigener Motivation, fehlenden Kontakten, usw.)?

A: Ja, alles das könnte mehr sein und wenn ich mich dem Mangel hingebe, scheitere ich auch daran. Wenn ich mich stattdessen darauf konzentriere was ich alles habe, wenn ich meine Kontakte aktiviere, und die Strukturen annehme, gelingt es mir mich zu motivieren.

J: Wenn man als Künstler*in an Ausschreibungen für Residenz-Stipendien, Wettbewerben und Fördergeldern teilnimmt, wird man zwangsläufig auch mit Ablehnung konfrontiert. Und zwar wesentlich häufiger als jemand, der sich alle paar Jahre auf eine feste Arbeitsstelle bewirbt.
Hast du selbst schon mal einen Job-Angebot oder einen Auftrag abgelehnt und wenn ja warum?

A: Ja, das habe ich. Ich lehne Dinge ab, bei denen ich das Gefühl habe, sie sind ne Nummer zu groß, also z. B. Aufträge im Bereich Vermittlung mit zu vielen Teilnehmer*innen. Ich lehne Aufträge ab, bei denen ich merke, dass ich da alleine gelassen werde und das die Verantwortlichen ihrer Rolle nicht gerecht werden. Ich lehne Aufträge ab, bei denen der Kosten-Nutzen-Faktor für mich nicht stimmt. Und ich lehne Aufträge ab, wo ich merke, dass meine innere Haltung nicht zum Auftrag passt.

J: Eine Studie des Statistischen Bundesamts hat ergeben, dass 2019 mehr als 2/3 der Künstler*innen in Deutschland selbstständig waren und das 1/3 der Künstler*innen von einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1.000 € im Monat lebten, 60% davon waren Frauen. Die Corona Pandemie hat für eine größere Öffentlichkeit erstmal sichtbar gemacht, wie prekär die Arbeitsstrukturen in der Kunst sind. Was glaubst du, gibt es einen Zusammenhang zwischen Prekariat und Kreativität, wie es manchmal beschworen wird?

A: Ja, das frage ich mich auch. Während des Studiums hatte ich wenig Sicherheit. Ich wusste nie, was der nächste Tag bringt. Ich habe in einem Studenten Zimmer gewohnt und habe mich sehr in Unsicherheit gefühlt. Jetzt bin ich in die Stadt zurückgezogen, in der ich als junge Frau schon gewohnt habe, in der ich lange Zeit meines Lebens verbracht habe. Zurück in meine Wohnung in einem sehr bürgerlichen Stadtteil. Ich stelle fest, dass das vielleicht doch ein bisschen bequem macht und mir die Motivation zum künstlerischen Arbeiten schwer fällt. Das sind nur so meine Gedanken. Ich weiß nicht ob Prekariat unbedingt mehr künstlerisches Tun hervorbringt…

J: Welche Folgen und besondere Belastungen erfährst du selbst aufgrund der Corona-Pandemie?

A: Ich fühle mich, als sei ich mit einem Berufsverbot belegt worden. Alles was ich brauche um mich zu inspirieren, um meine Akkus aufzuladen, alles woraus ich etwas ziehen kann, ist im Moment nicht möglich. Kein Museum hat geöffnet, es finden keine Kultur- und Kunst-Veranstaltung statt und man darf nicht reisen. Ich ziehe sehr viel Kraft aus der Natur, aus dem Reisen und aus dem In-Bewegung-Sein. Und natürlich auch aus dem Austausch mit anderen Kolleg*innen, den ich jetzt zwar verstärkt online habe, aber ein Treffen und gemeinsames Arbeiten findet zur Zeit nicht statt. Und bei mir kommt hinzu, dass alle meine Freunde in der ganzen Republik und darüber hinaus verstreut sind.